R. Smolarski u.a. (Hrsg.): Citizen Science in den Geschichtswissenschaften

Cover
Titel
Citizen Science in den Geschichtswissenschaften. Methodische Perspektive oder perspektivlose Methode?


Herausgeber
Smolarski, René; Carius, Hendrikje; Prell, Martin
Reihe
Schriften des Netzwerks für digitale Geisteswissenschaften und Citizen Science
Erschienen
Göttingen 2023: V&R unipress
Anzahl Seiten
269 S.
Preis
€ 50,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Cord Arendes, Historisches Seminar, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

In der Wissenschaftspolitik zählt es heute zum State of the Art, die Zukunftsfähigkeit geisteswissenschaftlicher Disziplinen (auch) an ihren Potenzialen zu Transferaktivitäten und ihren Qualitäten im Bereich der Wissenschaftskommunikation zu messen. Auf Hochschul- und Universitätsebene firmieren die Förderung des „Wissenstransfers“ sowie die Initiierung von Kooperationen mit Wirtschaft, Politik oder der „Öffentlichkeit“ hierbei zumeist unter dem Label „Third Mission“.1 Forschung in den Geisteswissenschaften – nicht zuletzt als eine Folge dieser Rahmenvorgaben – gestaltet sich deshalb „zunehmend in Zusammenarbeit, in inter- und transdisziplinären Kontexten, mit der Öffentlichkeit als Mitgestalter und in dem Bewusstsein betrieben, dass es wichtig, wenn nicht gar zwingend notwendig ist, eine geisteswissenschaftliche Perspektive in aktuelle gesellschaftliche Debatten einzubringen und deren Ergebnisse zu beeinflussen“.2 Auch die Geschichtswissenschaft sieht sich seit längerem aufgefordert, zu diesen Entwicklungen eigenständig beizutragen.3

Ein immer wieder angeführter Aspekt, der auch im geschichtswissenschaftlichen Diskurs zu diesem Thema nie fehlt, ist der Verweis auf die vielgestaltigen Potenziale der Citizen Science, das heißt der aktiven und umfassenden Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an wissenschaftlichen Forschungsvorhaben und -prozessen. Dies wird gerne als Allheilmittel verstanden, um unterschiedlichsten Forderungen nach einer Demokratisierung von Wissenschaft unter Verweis auf Partizipation, Kooperation oder Engagement zu begegnen. Eine grundlegende Diskussion der Frage, welche Chancen und Herausforderungen mit dem Citizen-Science-Ansatz für die Geschichtswissenschaft verbunden sind – sowie umgekehrt, welche Chancen und Herausforderungen historiographisches Arbeiten als Citizen Science für die beteiligten Bürgerinnen und Bürger umfasst –, ist bislang aber erst ansatzweise erfolgt.

Umso begrüßenswerter ist der vorliegende, auf einen Online-Workshop zu den Themen Crowdsourcing und Citizen Science im November 2020 zurückgehende Sammelband.4 Die drei Herausgeberinnen und Herausgeber (René Smolarski, Hendrikje Carius und Martin Prell) stecken das Feld, in dem sie und die übrigen Beiträgerinnen und Beiträger sich bewegen, bereits im als Frage formulierten Untertitel ab: Es geht ihnen darum, zu klären, ob Citizen Science für die Geschichtswissenschaft eine „methodische Perspektive“ oder eine „perspektivlose Methode“ darstellt. Der Band gliedert sich in zwei Teile: Im ersten Abschnitt widmen sich fünf Beiträge verschiedenen übergreifenden Perspektiven auf das Feld. Der zweite, sieben Beiträge umfassende Teil präsentiert einzelne Citizen-Science-Projekte. Hinzu tritt die zwar kurze, aber konzise Einführung des Herausgeber:innenteams: Citizen Science, das wird hier erneut deutlich, gilt als (die) Antwort auf Fragen, die mit der „Digitalisierung des Wissenschaftsprozesses“ sowie mit dessen Öffnung für „partizipative Formate auf verschiedenen Beteiligungsebenen“ einhergehen (S. 7). Die Beiträge zielen deshalb darauf ab, „die geschichtswissenschaftliche Fragestellung“ und „die bürgerwissenschaftliche Dimension“ produktiv miteinander zu verschränken (S. 12).5

Auch das Herausgeber:innenteam erwartet von der Citizen Science, eine Brücke zwischen Wissenschaft und breiterer Öffentlichkeit schlagen zu können: „Gerade eine Beteiligung an mindestens im Kern geschichtswissenschaftlichen Projekten, die häufig auf große öffentliche Resonanz stoßen, fördert durch die damit einhergehende Vermittlung methodischer und theoretischer Kompetenzen einen kritischen Umgang mit Quellen und ein besseres Verständnis für die Komplexität gesellschaftlicher Veränderungen.“ (S. 8) Der Realitätscheck erfolgt aber gleich in der Einleitung: Zwar liefere die Citizen Science in bestimmten Kontexten durchaus Mehrwerte; viele Ergebnisse könnten die hohen Erwartungen aber nicht erfüllen (vgl. S. 9). Diese „Diskrepanz zwischen (wissenschafts-)politischem Willen und (wissenschafts-)praktischen Gegebenheiten“ (S. 13) lasse sich durch oft völlig unterschiedliche Erwartungen der an den Projekten direkt Beteiligten, aber auch durch starre Förderinstrumente erklären (vgl. unter anderem Kristin Oswald).

Empirische Überprüfungen dieser Thesen bieten nachfolgend die einzelnen Beiträge. Sie liefern recht gut miteinander vergleichbare Diagnosen hinsichtlich der Frage nach „dem Mehr- und Stellenwert der Einbindung bürgerwissenschaftlicher Akteure in die jeweiligen Forschungsvorhaben“ (S. 13) – inklusive einer Reihe argumentativer Doppelungen in der Diagnose, gleich ob es um Chancen oder Herausforderungen geht. Dies stört die Lektüre kaum, da in allen Beiträgen spürbar ist, dass die jeweiligen Einblicke auf eigener Praxiserfahrung beruhen und diese Praxiserfahrung aus den Projekten wiederum dazu beigetragen hat, klar strukturierte und gut nachvollziehbare Perspektiven zu formulieren. Kritisch anzumerken ist hier allenfalls, dass nicht jeder in den Beiträgen genutzte einschlägige Begriff oder Hinweis auf fachwissenschaftliche Konzeptionen (zum Beispiel GLAM-Institutionen [Galleries, Libraries, Archives, Museums], FactGrid, Creative-Commons-Lizenzen oder der Unterschied zwischen Open Science und Citizen Science) allen Leserinnen und Lesern gleichermaßen geläufig sein dürfte. Abhilfe beziehungsweise die Möglichkeit zum gezielten Nachschlagen hätte hier entweder ein Register oder – dem Innovationscharakter des Themas entsprechend – auch ein Glossar wichtiger Begriffe und Konzepte der Citizen Science schaffen können.

Obwohl der Band explizit nicht als Handbuch angelegt ist, erfüllt er eine vergleichbare Funktion jedoch in hohem Maße mit – erstens, weil sich in fast sämtlichen Beiträgen weiterführende Überlegungen zur Bestimmung des Mitwirkungsgrades bei der Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an Forschung finden lassen. Die Mehrheit der Autorinnen und Autoren greift hierbei auf die einschlägige Veröffentlichung von Rick Bonney u.a. zurück6, die zwischen Mitwirkung (contributory projects), Zusammenarbeit (collaborative projects) und gemeinsamer Erarbeitung (co-created projects) unterscheidet (vgl. unter anderem S. 27, S. 69f., S. 214). Die meisten geschichtswissenschaftlichen Citizen-Science-Projekte, dies hebt Kristin Oswald hervor, sind wegen ihrer (zu) starken Trennung von Laiinnen und Laien sowie Expertinnen und Experten „nur“ den kontributiven Projekten zuzuordnen. Zweitens geht der Band ausführlich auf Aspekte ein, die sonst gar nicht oder nur am Rande thematisiert werden: Fragen der technischen Umsetzung beziehungsweise des unabdingbaren Wissens über Funktion und Anwendung entsprechender Softwaretools und -lösungen. Die Fallbeispiele legen durchgehend Wert darauf, die genutzte Software nicht nur zu nennen, sondern ihre jeweiligen Vor- und Nachteile auch allgemeinverständlich zu erläutern. Dabei wird zum einen die „teils nicht zu unterschätzende Komplexität in der Aneignung von Kompetenzen der Informatik“ deutlich (Jens Bemme / Christian Erlinger, S. 171), zum anderen die Beobachtung, „wie eng Fragestellung, technische Umsetzung und die zu erreichende Community verwoben sein müssen, um ideale Ergebnisse und vor allem eine befriedigende Erfahrung auf Seiten der Freiwilligen zu erreichen“ (Tobias Hodel / Christa Schneider, S. 65).

Ein Interesse an Citizen Science vorausgesetzt, liefern die Beiträge sowohl für Laiinnen und Laien als auch für professionelle Historikerinnen und Historiker gleich etliche interessante Einblicke in das Feld – sei es die Sammlung und Dokumentation von Flurnamen in Thüringen (Barbara Aehnlich / Petra Kunze) oder eine breitere Sicht auf die Medienkulturgeschichte Düsseldorfs im Rahmen eines bürgerwissenschaftlich unterstützten Oral-History-Projekts (Elfi Vomberg). Versierte(re) Praktikerinnen und Praktiker auf dem Feld der Citizen Science werden dagegen vor allem ihre eigenen Erfahrungen bestätigt finden. Ohne dass dieser Aspekt in der Einleitung explizit angesprochen wird, so zeigen die Fallbeispiele zudem recht deutlich, dass Citizen-Science-Ansätze ein wichtiges Bindeglied zwischen Forschungen der Public History und der Regionalgeschichte bilden können. Hier liegen weitere zukünftige Chancen, da solche Ansätze dazu beitragen, den Wissenstransfer aus der Gesellschaft in die Wissenschaft und umgekehrt zu realisieren. Hier werden aber auch ihre sehr „speziellen“ Herausforderungen deutlich. Nicht zuletzt die Frage nach dem Umgang von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit Citizen Scientists – Wissenschaftsethik, Bezahlung vs. Ehrenamt, Sicherung wissenschaftlicher Standards etc. – ist nicht losgelöst von der Praxiserfahrung zu klären, dass es (teilweise sehr weit) auseinandergehende „Motivationen und Zielsetzungen von Bürgerinnen und Bürgern sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern“ in den Projekten gibt (Elfi Vomberg, S. 194).

Sind Citizen-Science-Projekte am Ende doch zu anspruchsvoll beziehungsweise zu aufwendig für den historiographischen Alltagsbetrieb in Forschung und Lehre? Folgt man Kristin Oswald, befindet sich die Citizen Science in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft noch „in einem Experimentierstadium“ (S. 40). Experimente definieren sich über ihren offenen Ausgang; sie sind gleichwohl mit der Hoffnung auf ein positives Ergebnis verknüpft. Und sie bedürfen, um auf den Untertitel des Bandes zurückzukommen, vorab definierter Methoden – auch wenn sich diese in der Projektpraxis bewähren und gegebenenfalls angepasst werden müssen. Die Beiträge in dem gut zu lesenden Band können Historikerinnen und Historiker dazu anzuregen, selbst Citizen-Science-Projekte zu beginnen, ohne zu verschweigen, dass es sich um sehr anspruchsvolle, mitunter schwierige Vorhaben handeln wird. Und das ist dann doch eine ganze Menge.

Anmerkungen:
1 Vgl. zum Beispiel Cort-Denis Hachmeister u.a. (Hrsg.), Gestaltende Hochschulen. Beiträge und Entwicklung der Third Mission, Halle 2016, https://www.hof.uni-halle.de/journal/dhs116.htm (06.12.2023).
2 Miriam Meissner / Aagje Swinnen / Susan Schreibman, Introduction. Engaged and Engaging Humanities, in: Aagje Swinnen / Amanda Kluveld / Renée van de Vall (Hrsg.), Engaged Humanities. Rethinking Art, Culture, and Public Life, Amsterdam 2022, S. 13–27, Zitat S. 13 (eigene Übersetzung), https://doi.org/10.1515/9789048550401 (06.12.2023).
3 Eva Schlotheuber, „Weiter so“ der Geschichtswissenschaften? Zu Situation, Rolle und Aufgaben des Faches im aktuellen Wissenschaftssystem, in: VHD-Journal 8 (2019), S. 4–6, https://www.historikerverband.de/aktuelles/vhd-journal/vhd-journal-8/#seite-6 (06.12.2023).
4 Vgl. den Tagungsbericht von Daniel Haas, Transcribing – Encoding – Annotating: New Approaches of Technology and Methodology for Historical Sources in Crowd Sourcing and Citizen Science, in: H-Soz-Kult, 10.07.2021, https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/fdkn-127555 (06.12.2023).
5 Aus unerfindlichen Gründen hat die Open-Access-Version des Bandes, anders als die Druckausgabe, leider keine Paginierung.
6 Rick Bonney u.a., Public Participation in Scientific Research. Defining the Field and Assessing its Potential for Informal Science Education. A CAISE Inquiry Group Report. Center for Advancement of Informal Science Education (CAISE), Washington, D.C. 2009, https://files.eric.ed.gov/fulltext/ED519688.pdf (06.12.2023).